Review: Bushido – „Black Friday“

Mein Leben ist ein Krimi, thirteen Street, Polizei funkt – Teamspeak
Lass‘ ein ganzes Label zittern mit ’nem Retweet

(Bushido – Moonwalk)

Wären Promophasen olympisch, hätten wir mit Bushido längst einen Usain Bolt dieser Disziplin, der uns Goldmedaille um Goldmedaille nach Hause bringt und dabei auf die anderen Teilnehmer lachend zurückblickt. Noch vor der ersten Videoauskopplung zu Fallout hat der Noisey-Redakteur Juri Sternburg einen ganz witzigen Artikel zu dem Thema geschrieben.

Darin beschreibt er – wie bereits Fler vor ihm – Bushido als Schachspieler. In jeder Promophase würde er seine Figuren Zug um Zug in Position bringen und bereits weit im Voraus antizipieren, was sein(e) Gegenüber mit den gespielten Manövern anfangen würde(n). Exakt diese Spielweise legte der ersguterjunge-Chef auch wieder in seiner Promo zum aktuellen Projekt Black Friday an den Tag.

Seine Ansage-Videos haben mittlerweile einen ähnlichen Kultstatus wie ein Fler-Interview. Was gibt es auch entspannenderes als einem gesettelten Mann, der auf die 40 zugeht, dabei zuzuhören, wie er Satiriker beschimpft, seine Späßchen mit dem Kameramann treibt und nebenbei portionierte Infos zu seinem neuen Album entlässt? Parallel dazu haut Bushido auf Twitter fleißig in die Tasten, wenn ihm der Service in seiner örtlichen Postfiliale gegen den Strich geht oder er sich über die deutsche Teilnehmerin des ESCs lustig machen will. Wie hieß die Gute noch? Lavine? Lavina? Levina? Ist ja auch egal…

Dann noch einen Beef mit Kollegah und Farid Bang in ihrem JBG 3-Jahr in die Wege leiten, indem man für deren jahrelangen verbalen Boxsack Laas Unltd. Stellung bezieht. Anschließend kein Wort mehr zum Beef verlieren, aber gezielte Retweets und Likes als Spiritus für das auflodernde Feuer einsetzen. Parallel dazu Laas unter Vertrag nehmen, kurze Zeit später einen überraschenden Newcomer zu egj holen und die Gerüchteküche um weitere Signings weiter brodeln lassen.

Fertig ist die Bushido-Promo! Serviert wird sie außerdem mit säuberlich filetierten Videoauskopplungen, die die Musik nicht ganz in Vergessenheit geraten lassen.

Über die Genialität des Berliners mit den sozialen Medien umzugehen und sie für die eigenen Zwecke zu nutzen, könnte man sicherlich eine ganze Doktorarbeit schreiben, aber jetzt soll es um Musik gehen, genauer gesagt um die 14 Tracks der Standard-Edition des Black Friday-Albums. Nach dem Hören der Tracks kann ich nämlich durchaus nachvollziehen, dass Bushido seine Mittel und Wege genutzt hat, möglichst viele Menschen auf sie aufmerksam machen zu wollen.

Um mich mitzuteil’n brauch‘ ich keine F*tzen von der Telekom
Ich presse Hasspredigten auf CD-ROM

(Bushido – Black Friday)

Das Intro der Platte, das direkt den Namen Black Friday trägt, knüpft quasi dort an, wo Sonny Black, das letzte nicht-CCN-artige Soloprojekt des Rappers, aufgehört hat. Es fühlt sich an, als hätte Bushido die Knarre seit 2013 abgesetzt, um nachzuladen. 2017 hält er sie nun wieder fest im Anschlag und drückt ab. Die Punchlines sitzen und sind asozialer denn je.

Ohne jemandem irgendetwas unterstellen zu wollen, lässt sich erahnen, dass Laas, Shindy oder ein anderer Member der egj-Crew beim Finden des einen oder anderen Mehrfachreims ihre Finger im Spiel hatten. Die Ghostwriter-Debatte ist seit Jahren langweilig und ausgelutscht, also belassen wir es bei einem: „Die Lines sind Entertainment pur!

Wir distanzieren uns von Deutschland wie Usedom
„Hip-Hop-Journalist“ ist das neue „H*rensohn“

(Bushido – Ground Zero)

Neben dem Intro schlagen die bereits bekannten Singles Fallout und Sodom & Gomorrha in dieselbe Kerbe. Auch Ground Zero und Angst mit Ali Bumaye-Feature sind 100% Gangster-Rapper Bushido. Die unmittelbar nach Shindys Dreams-Release angekündigten Disses, das erwartete Name Dropping, die Zerberstung der deutschen Rap-Szene, wie wir sie kannten in einem lodernden Flammenmeer, aus dessen Tiefen sich Bushido als einziger – Khaleesi-Style – erhebt, bleiben jedoch aus.

Wie Bushido in den bisher veröffentlichten Interviews mit der Backspin und BMTV Urban erklärt, hätte man sich mit den entsprechenden Parteien abseits der Bildfläche geeinigt und deshalb einige bereits geschriebene Textzeilen entfernt. Lediglich Jan Böhmermann, Rooz von Hiphop.de und die Videoproduktionsfirma StreetCinema bekommen namentlich ihr Fett weg.

Abgesehen von einem Seitenhieb gegen Die Grünen-Politiker Volker Beck natürlich, was aber auf einem Bushido-Album mittlerweile zum guten Ton zu gehören scheint. Ach, und gegen die Springer-Presse und Konsorten richtet sich der Label-Chef ebenfalls. Alles beim Alten also.

Wesentlich spannender als die Disserei sind für mich persönlich jedoch die Feature- und Themen-Tracks. Als Hörer der Standard-CD kommen wir in den Genuss von folgenden Gast-Parts: AK Ausserkontrolle, Shindy, M.O.030, Fler, Laas Unltd. und Ali Bumaye. Da ich jeden einzelnen auf dem Album ziemlich spannend finde, gehe ich nun auf alle kurz ein.

Wir sind Berliner und sie hassen uns für diesen Stil
Doch tut mir leid, diese Eier passen nicht in Skinnyjeans

(AK Ausserkontrolle – Echte Berliner)

Das AK-Feature ist wohl – neben dem Metrickz-Feat auf der Bonus-EP – der überraschendste Auftritt auf Black Friday. Allein schon beim Lesen des Songtitels checkt man jedoch sofort, warum der Mann mit dem Einbrecher-Image und dem übertrieben krassen Flow auf der Platte gelandet ist. Zusammengefasst: Make Berliner Gangster-Rap great again! Bushido holt sich einen aufstrebenden Rapper aus der Hauptstadt ins Boot, um einen stabilen, realen Track über die dortige Lebensart und Kriminalität zu machen. Die einstige unangefochtene Rap-Hauptstadt zu Beginn der 2000er drängt zurück an die absolute Spitze. Oder so ähnlich…

Hab‘ den Run wie „Lola rennt“, Baby, rock die Yogapants
Sonny, Shindy – zwei Bros ball’n wie die Boatengs

(Shindy – Moonwalk)

Ein Shindy-Part auf einem Bushido-Album hat wohl niemanden mehr aus den Socken gehauen. Spannend ist jedoch, dass sich Moonwalk wesentlich mehr nach einem Shindy-Song anhört als nach einem seines Label-Chefs. Vom Beat her geht das Ganze wohl am ehesten in Richtung Lieblingslied auf dem Debüt des Waldorf Astoria-Dauergastes.

Mann, die Zeit wird knapp, Mama, Geld wird knapp
Deshalb schreib‘ ich zwei Hits in derselben Nacht

(M.O.030 – Gehen wir rein)

Auch der M.O.030-Track klingt nicht nach Bushido. Wie der egj-Boss im Interview erklärt, wäre Gehen wir rein bereits komplett fertig gewesen, sowohl musikalisch als auch videotechnisch. Als die Gespräche um ein Signing bei ersguterjunge konkreter wurden, hätte Bushido dem talentierten Newcomer jedoch angeboten, noch einen Part einzurappen, einige Szenen für das Video nachzudrehen und das Musikvideo über den Bushido-Channel und nicht über den eines Hip Hop-Magazins zu veröffentlichen, wie es bereits geplant war. All diejenigen, die befürchteten, Bushido würde jetzt auch auf aktuelle Trends setzen und seinem jahrelang praktizierten Style den Rücken kehren, können somit aufatmen. Nur eine Ausnahme. Wenn auch eine wirklich spannende!

Auch wenn wir beide nicht auf künstlich immer cool war’n
Die CCN-DNA in unsrer Blutbahn

(Fler – CCNDNA)

Über die On-Off-Beziehung der Maler- und Lackierer-Gang könnte man sicher ganze Roman-Reihen verfassen. Ich halte es an dieser Stelle kurz. Nachdem Fler auf Bushidos CCN3 noch gedisst wurde, haben die beiden mittlerweile wohl die meisten Differenzen beigelegt, streichen gemeinsam Wände im Kindergarten und haben sich sogar wieder zusammen ins Studio gewagt. Der dabei entstandene Song wird seinem Namen CCNDNA definitiv gerecht und bringt eine bereits vergessen geglaubte Atmosphäre stückweise zurück. Dennoch hören sich gegenseitige Interview-Aussagen der beiden ehemaligen Aggro Berliner vorerst nicht nach einem bald erscheinenden CCN4 an. Doch wer kann so ein erfolgsversprechendes Projekt in der Rap-Szene schon vollkommen ausschließen?

Hellblond, kein Maßkrug frag Bu-
-shido, euer Leben nicht zu f*cken wär‘ in meinem Fall Vertragsbruch
Männer sitzen wieder um den Tisch wie in ’nem Skatclub, Habsucht
Niemand würd‘ mich sign’n, der nur auf Zahl’n guckt

(Laas Unltd. – Switch Stance)

Auch über Laas Unltd., seine messerscharfen Battle Rap Skills, seine jahrelange Fehde mit Kollegah, seine Zusammenarbeit mit Kool Savas, Fler und Co. in letzter Zeit und seine dennoch unter dem Radar stattfindende Rap-Existenz könnte man einen ganzen Artikel schreiben. Jetzt scheint Laas Abi jedenfalls endlich bei einem seit Jahren überfälligen erfolgsversprechenden Label-Deal angekommen zu sein und droppt auf Black Friday einen Part, der on fire ist. Bereits auf Shindys Dreams hat sich der Laas Abi Skit in der öffentlichen Wahrnehmungen als eines der Highlights der Platte herauskristallisiert. Auch seine genial getexteten Zeilen auf Switch Stance sind ein Genuss.

Wenn du mich fragst, was ich mache: sitzen
Asche in die Glas-Colaflasche schnipsen

(Ali Bumaye – Angst)

Last but not least Ali Bumaye – als wären wir hier beim Marathon. Ali mag nicht die fettesten Rap-Skills mitbringen, aber dafür den dicksten Humor. Der Chicken Wings-Liebhaber sorgt bei mir Song für Song mit jedem seiner Parts für ein Grinsen im Gesicht und dafür einfach mal Props an dieser Stelle! Dicken-Witze sind und bleiben einfach witzig und wenn sie dann noch mit der nötigen Selbstironie von einem Dicken vorgetragen werden, funktionieren sie noch besser. Dazu noch ein bisschen Berlin-Represent und Überheblichkeit gegenüber dem Rest der Szene und den viel besprochenen B*tches und schon ist ein wirklich stabiler Part im Kasten.

Doch was Black Friday für mich zu einem wirklich runden, besonderen und einzigartigen Bushido-Album macht, sind die Songs, in denen sich der Berliner vollkommen einem bestimmten Thema widmet (Geschlossene Gesellschaft, Papa, Oma Lise & So Lange). Im Vorfeld haben wir bereits den Track Papa kennengelernt. Darin erklärt Bushido seinen mittlerweile vier Kindern, warum ihr Leben wegen ihres Vaters und seines Jobs so anders ist als das der anderen Kinder auf dem Spielplatz.

Doch weil Papa in sein’n Liedern böse Sachen sagt
Denkt die ganze Nachbarschaft, dass er auch böse Sachen macht
Aber Papa sagt die Sachen, die er sagt
Nur damit er nicht mehr tun muss, was Papa früher tat

(Bushido – Papa)

Die Message, wer letztendlich in den Augen von Bushido die Guten und wer die Bösen sind, mag plakativ sein, aber der Rapper richtet sich im Text nun mal direkt an seine Sprösslinge und nicht an irgendein BPjM-Gremium, dem er sich und sein Lebenswerk erklären muss. Die wirklich süßen Sprachnotizen, die im Alltag undercover aufgenommen worden sein sollen und das Video, in dem die Kinder des Berliners ebenfall mitspielen, runden den Track perfekt ab.

Nicht umsonst erhält Bushido für Papa quasi durch die Bank positive Resonanz und durfte mit dem Video sogar einen persönlichen Klickrekord einfahren. Er wirkt auch in Interviews so, als würde er in seiner Vaterrolle vollkommen aufgehen und so nimmt man ihm die mit dem Song verbundenen Emotionen voll und ganz ab. Dass man seine Kinder in einem noch nicht entscheidungsfähigen Alter in irgendeiner Form in die Öffentlichkeit zerrt, sehe ich generell sehr kritisch, aber das kann gerne in den Kommentaren ausführlicher diskutiert werden, wenn jemand anderer Meinung ist.

Ich hätte nie gedacht, dass ich den Song hier schreibe
Doch ich weiß nicht, wie ich dich sonst erreiche

(Bushido – Oma Lise)

Der wohl intimste Bushido auf Black Friday ist jedoch wohl auf Oma Lise zu finden. Diesen Song widmet der Rapper seiner 2013 verstorbenen Mutter Luise Maria Engel. Er erzählt ihr auf sehr persönliche und ehrliche Art und Weise, was seit ihrem Tod in seinem Leben passiert ist. Ich kann mich nicht daran erinnern, Bushido in den letzten Jahren so offen und konkret persönlich erlebt zu haben, aber man wünscht sich nach dem Hören des Songs mehr davon.

Denn Bushido ist eben nicht nur der Gangster-Rap-Pate, der von Geschlechtsakten und organisierter Kriminalität erzählt, sondern auch  und gerade die Person Anis Ferchichi. Songs wie Alles wird gut oder Reich mir nicht deine Hand sind die Lieder, mit denen seine Fans ehrliche Emotionen verbinden. Sie sind zeitlos und unabhängig von derzeitigen Beef-Geschichten. Sie sind es, die einen Künstler am Ende des Tages ausmachen.

Fazit

Vorgarten, Eigenheim und Kitagutschein
Doch ich f*ck‘ zu viele Mütter, um ein Spießer zu sein

(Bushido – Black Friday)

Diese Zeile aus der ersten Minute des Black Friday-Albums bringt wohl den Künstler Bushido während der Momentaufnahme dieser Platte am besten auf den Punkt. Anis Ferchichi ist zur Ruhe gekommen – böse Zungen meinen, spießig geworden. Sei es ihm gegönnt nach jahrelangen Beef-Geschichten und sonstigem Unsinn in der Rap-Landschaft und darüber hinaus. Dennoch lebt er sich in der Musik weiterhin aus als wäre wieder 2002.

Und genauso wollen ihn seine Fans auch hören. Bushido war auf Alben noch nie ausschließlich Gangster oder ausschließlich Freund/Mann/Vater/Sohn/Kumpel. Er war schon immer eine Mischung aus Best of both worlds und Worst of one world, mit der viele nicht so recht umzugehen wissen.

Am Ende des Tages ist Black Friday also ein typisches Bushido-Album, auf dem er aber in Sachen Produktion nochmal eine ganze Schippe draufgelegt hat. Das übliche Team um OZ, Djorkaeff und Beatzarre hat einen verdammt guten Job gemacht, Black Friday sowas von 2017 klingen zu lassen. Auch Bushido hat an einige Instrumentals wohl selbst Hand angelegt. Das ganze egj-Team bildet eben dank jahrelanger Zusammenarbeit eine perfekt geschmierte Maschine, in der jedes Zahnrädchen die richtigen Zahrädchen um sich herum zu drehen weiß.

Unterstützung kam produktionstechnisch – um die Jungs an dieser Stelle noch zu erwähnen – übrigens von Flers Kollege Nico Chiara, M.O.030s Homie Myvisionblurry, dem guten Shindy (nur auf Fallout), dem Ami-Produzenten Foreign Teck sowie BLWYRMND und dem Sänger und musikalischen Allround-Talent Nico Santos. Fette Props für wirklich fette, zeitgemäße Beats! Highlights sind für mich Fallout, Gehen wir rein, CCNDNA und Oma Lise – jeder auf seine eigene Art.

Außerdem möchte ich zum Abschluss noch die auffälligen Samples amerikanischer Oldschool-Klassiker hervorheben. An solchen Einspielern von Royce Da 5’9“, Busta Rhymes, DJ Khaled, Eminem, 50 Cent und vielen, vielen weiteren am Ende der Tracks Black Friday, Fallout und So Lange merkt man eben ganz deutlich, wie wichtig den Beteiligten Rap und seine Ikonen sind.

Also kann Bushido nun in Ruhe in Rente gehen und die Zeit mit seiner Familie in vollen Zügen genießen? Darauf hat er im Outro des Albums eine ganz einfache Antwort parat:

So lang der Beat läuft auf meiner MPC
Kann ich einfach nicht in Rente geh’n
Weil die andern es nicht schaffen, euch zu entertain’n
Kann ich einfach nicht in Rente geh’n

(Bushido – So Lange)

Höre dir Black Friday hier im Stream an:

Und bestelle dir das Album hier in physischer Form:

 

 

Foto: Collage: Screenshot (Bushido – Sodom & Gomorrha / https://youtu.be/pn6ODfgFNLE), Cover (Bushido – Black Friday)

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8
  • Text 8
  • Flow 5
  • Beats 8
  • Atmosphäre 9
  • Features 10
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